Casablanca Nürnberg: Neustart als „Kino mit Courage“

Ein Jahr nach der Wiedereröffnung startet des Casablanca Filmkunsttheater in der Nürnberger Südstadt durch: Mit der Eröffnung des großen Saales am 25. September will der Betreiberverein das traditionsreiche Kino zukunftssicher machen. „Kino mit Courage“ heißt es im neuen Logo, und das nehmen die Macherinnen und Macher wörtlich. „Mut gehörte und gehört dazu, in der heutigen Zeit des Kinosterbens einen solchen Neuanfang zu wagen, mit einem Programm jenseits des Mainstream und mit vielen Ehrenamtlichen und kleinen Spendern, anstatt eines finanzstarken Unternehmens im Rücken“, erläutert Prof. Helfried Gröbe, Vorsitzender des Vereins „Casa e.V. – Kunst und Kultur in der Südstadt“.

Rückblende

Das Casablanca war seit seiner Gründung 1976 eine Institution in Nürnberg. Es war zuletzt mit seinen drei Kinosälen und den insgesamt 250 Sitzplätzen hinter dem Cinecittà, dem Admiral Filmpalast und dem Rio Palast nicht nur das viertgrößte Kino der Halbmillionen-Stadt, sondern neben dem ebenfalls in der Südstadt angesiedelten Atrium-Kino das Kino Nürnbergs mit dem größten Charme.

Nach dem Niedergang der klassischen Industrien wurde der Süden Nürnbergs zum sozialen Brennpunkt. Jeder dritte Bewohner hat keinen deutschen Pass, in mehr als jedem zweiten Haushalt lebt nur eine Person. Knapp die Hälfte der Wohnungen sind älter als 50 Jahre – und damit bei oft bescheidener Ausstattung noch vergleichsweise erschwinglich. Die Arbeitslosigkeit ist überdurchschnittlich hoch. Um den Strukturwandel abzufedern, wurde das Gebiet in das „Ziel-2“-Förderprogramm der Europäischen Union, in das Projekt LOS (Lokales Kapital für soziale Zwecke“) sowie in das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ aufgenommen. Ziel war es, urbanen Lebensräumen, die vom Niedergang klassischer Industrien besonders hart getroffen wurden, neue Impulse zu verleihen.

Dies war im Nürnberger Süden umso wichtiger, weil auch kulturelle Treffpunkte vom Niedergang betroffen waren – besonders hervorstechend das Kinosterben. Nachdem zunächst das Museum-Kino, dann das Atrium Ende 2008 durch seinen Betreiber geschlossen worden waren, folgte am 31. März 2009 auch das Aus für das Casablanca. Das letzte verbliebene Kino in der Nürnberger Südstadt neben dem Fremdsprachenkino Roxy wurde Anfang April geräumt. Die Kinosessel wurden versteigert, Leinwand und Technik herausgerissen. Zurück blieb ein leeres, heruntergewirtschaftetes Hinterhof-Rückgebäude, das einstmals ein beliebter Treffpunkt mit Kino und Kneipe war.

Gründung einer Initiative

Schon als die Schließungspläne für das Casablanca im November 2008 bekannt wurden, begann eine Initiative von Kino- und Kulturinteressierten aus dem Großraum Nürnberg, sich für den Erhalt des Traditionskinos stark zu machen. Aufgrund der enormen Unterstützung aus der gesamten Bevölkerung und der hohen Spendenbeteiligung wurde im März 2009 aus der Initiative der Verein „Casa e.V. - Kunst und Kultur in der Südstadt“. „Uns wurde schnell klar, dass mit großem ehrenamtlichem Engagement und den Geldern von vielen Spendern das Casablanca eine Zukunft hat“, berichtet Gröbe, ein Mann der ersten Stunde.

Ziel der Aktivisten war es, ein Filmkunsttheater in der vom Niedergang bedrohten Nürnberger Südstadt, zu etablieren, das nicht nur Kino, sondern auch Theater, Musik und Literatur bietet, sondern auch mit der Kneipe einen neuen kulturellen Treffpunkt - als Verein, gestützt auf ein breites ehrenamtliches Engagement.

Ein erster Erfolg

Mehrere Monate lang renovierten die Vereinsmitglieder die Räume von Grund auf und statteten das obere Kino mit 48 Plätzen neu mit Kinotechnik und Bestuhlung aus. Die Hauseigentümergemeinschaft sanierte Elektrotechnik, Sanitäranlagen und Dach. Am 18. September letzten Jahres, also ein halbes Jahr nach der Schließung war es dann soweit: Die Kneipe und das Kino öffneten ihre Pforten – und das Programm kam nicht nur im Nürnberger Süden an.

Obwohl das Casablanca nur über einen einzigen kleinen Saal verfügte, gelang es, eine beträchtliche Zahl von Erstaufführungen für das Kino zu buchen. Darunter waren sowohl größere Arthouse-Filme, die teilweise exklusiv im Casablanca liefen, aber auch viele Filme, die ohne einen Start im Casablanca in Nürnberg nicht ausgewertet worden wären.

Im nicht renovierten großen Saal fanden die Konzertreihe „Alles außer laut“ und thematische Reihen wie „Medizin im Film“ oder das „Agenda 21 Kino“ mit Filmvorführungen und anschließender Diskussion großen Zuspruch. Die Kneipe entwickelte sich zum Treffpunkt. „Wir zeigen Filme, die über den Abspann hinaus wirken, da setzt man sich danach gerne auf ein Bier oder einen Wein zusammen“, ist Thomas Klimiont, im Vereinsvorstand für die Kneipe verantwortlich, zufrieden.

Die große Chance

Am 25.September ist es soweit: Der große Saal im Erdgeschoss mit 90 Plätzen erstrahlt dann im neuen Glanz und auch der dritte Saal mit 25 Plätzen ist wieder bespielbar. In wochenlangen von einem Architektenbüro koordinierten Bauarbeiten und mit großzügiger Unterstützung der Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg wurde dann aus dem in die Jahre gekommenen großen Kinosaal „ein richtiges Schmuckstück“, meint Vereinsvorsitzender Gröbe. Er verspricht mehr Filmgenuss  dank neuer Leinwand, Tonanlage und Bühnen- sowie Projektionstechnik, mehr Komfort in neuen Kinosesseln auf neuen Podesten und mehr als Kino dank einer neuen Bühne.

Bei der Technik setzt das Casablanca auf digitale und analoge Ausstattung. „Da in Zukunft aus Kostengründen immer mehr kleinere, interessante Filme nur noch digital vertrieben werden, sichern wir uns durch die digitale Ausstattung filmische Qualität auch für die Zukunft“, berichtet Matthias Damm, der zusammen mit Tina Geißinger im Verein für das Programm zuständig ist. Er sieht aber seitens der Verleiher auch nach wie vor Bedarf an Spielstätten mit Abspielmöglichkeit für 35mm-Kopien. „Diese sind gerade in Nürnberg inzwischen rar gesät.“

Los geht's am 25. September

Die Einweihung am 25. September wird gefeiert mit  Nürnbergs Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly und dem international renommierten Filmregisseur Hans W. Geißendörfer. Der 69-Jährige lebte lange Jahre in Franken und war als junger Cineast im Casablanca zugange. Am Eröffnungsabend werden u.a. Geißendörfers erster Kinoerfolg, der Vampirfilm „Jonathan“, und mit „Schneeland“ sein vorerst letzter Erfolg als Autor und Regisseur gezeigt. Dazu natürlich die erste (1985) und die jüngste Folge (2010) der „Lindenstraße“.

Nach dem großen Fest werden im Casablanca über den reinen Film hinaus zahlreiche Veranstaltungen zum Thema Kino und Film angeboten werden: Filmgespräche und Drehbuchlesungen mit Autoren, Regisseuren und Schauspielern, Themenabende zu bestimmten Filmen, Filmmatineen, Screenings von Filmklassikern, Lange Kinonächte und Diskussionsveranstaltungen werden im Casablanca in Zukunft einen wichtigen Beitrag zum kulturellen Leben in Nürnberg leisten. Musikveranstaltungen, Lesungen und Theaterabende runden das Programm kulturell ab.

„Mit der Eröffnung des großen Saales haben wir die Chance, das Casablanca in eine sichere Zukunft zu führen“, ist der Vereinsvorsitzende Gröbe zuversichtlich. Für ihn liegen die Besonderheit des Unternehmens und damit auch sein Reiz „im außergewöhnlichen freiwilligen Engagement, das sich in einem gemeinsamen, gemeinnützigen Interesse gefunden hat“.  Das Casablanca als Traditionsort, mit dem viele Nürnberger etwas verbinden, werde so zu einem von Bürgern für Bürger getragenen Ort für Film, Kunst und Kultur – eben zu einem „Kino mit Courage“.